Alice und die Halbbluthexe

Yuuho Harada ist eine junge japanische Mangaka, die in den letzten Jahren mit ihrer Serie „Alice to Hanbun no Mahoutsukai“ – auf Deutsch „Alice und die Halbbluthexe“ – große Aufmerksamkeit gewonnen hat. Die Reihe verbindet klassische Fantasy-Elemente mit einer feinfühligen Darstellung queerer Themen, insbesondere weiblicher Identitätsfindung und gleichgeschlechtlicher Liebe. Obwohl Harada im Westen bislang eher ein Geheimtipp ist, hat sie sich in Japan mit ihrer ruhigen, nachdenklichen Erzählweise und ihrem detailreichen Stil einen festen Platz unter den talentierten Nachwuchs-Künstlerinnen gesichert.

Spoiler: dieser Text geht über die Handlung des Mangas ins Detail. Trotzdem wird darauf geachtet, dass es danach noch genug Anreiz und Spannung gibt, die Buchreihe zu lesen. Der Text enthält auch unsere subjektiven Eindrücke zum Werk, welche als solche gekennzeichnet sind.

Alice und die Halbbluthexe – Zwischen Magie, Identität und Selbstfindung

Um die Hexenverfolgung im Mittelalter zu beenden, unterwarfen sich die Hexen den Königen und versprachen, ihre Macht für das Land einzusetzen. Aus dem Untergrundprotest gegen die Menschen wurden daraufhin Hexenschulen heimlich gegründet. Die angehende Hexe und Schülerin Mari Muguruma ist in der Hexenschule „Sternenlicht“ sehr unbeholfen, sodass das Gerücht aufkommt, sie sei nur ein Mensch. Außerdem zweifelt sie an der Rache der Hexen an den Menschen und weigert sich, Tiere für Tränke zu töten. Die Musterschülerin Alice Keating wird daraufhin von der Direktorin beauftragt, Mari Nachhilfe zu geben. Bald bemerkt Alice, dass Mari von Alpträumen geplagt wird, was ihre Schwierigkeiten im Unterricht erklärt, und sie versucht ihr zu helfen.

Über die Autorin Yuuho Harada 

Über ihr persönliches Leben ist wenig bekannt – wie viele Mangaka hält sich Harada weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. In Interviews lässt sie aber durchblicken, dass ihr das Schreiben von leisen, zwischenmenschlichen Geschichten wichtiger ist als spektakuläre Action oder große Dramen. Ihre Werke entstehen oft aus kleinen Beobachtungen und emotionalen Momenten heraus, die sie dann in magische Kontexte überträgt. Diese Mischung aus Intimität und Fantasy ist typisch für ihren Stil.

Haradas Stil und Themen 

Haradas Zeichenstil ist klar und fein – mit weichen Linien, atmosphärischen Hintergründen und einem Blick für stille Gesten. Sie arbeitet oft mit Symbolen, etwa Licht, Spiegel oder Naturbildern, die Emotionen unterstreichen oder innere Konflikte sichtbar machen. In „Alice und die Halbbluthexe“ steht weniger der äußere Kampf im Mittelpunkt, sondern der innere: Was bedeutet es, anders zu sein? Was passiert, wenn man sich selbst nicht in die Schubladen der Welt einordnen kann?

Besonders beeindruckend ist, wie selbstverständlich queere Figuren in ihre Geschichten eingebunden sind. Es geht nicht darum, die sexuelle Orientierung zu erklären oder zu rechtfertigen – sie ist einfach da, wird gelebt und geliebt. Diese Normalität ist gerade im Manga-Bereich, der oft von Klischees überzeichnet ist, eine wohltuende Ausnahme.

Auszüge aus Interviews – Haradas eigene Worte

In einem seltenen Interview mit einem japanischen Literaturblog sagte Harada über ihre Hauptfigur Alice:

„Ich wollte eine Heldin, die sich selbst nicht sicher ist, was sie ist. Keine klassische Hexe, keine klassische Prinzessin. Sondern jemand, der dazwischen lebt – zwischen Mensch und Magie, zwischen Furcht und Hoffnung, zwischen Mädchen und Frau.“

Auf die Frage, warum sie sich für eine Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen entschieden habe, antwortete sie:

„Weil es die schönste, ehrlichste Liebesgeschichte war, die mir eingefallen ist. Ich wollte keine Konflikte von außen, sondern zeigen, wie man trotz Angst zur eigenen Wahrheit finden kann.“

Queere Hexen in der japanischen Literatur und Manga-Kultur 

Die Figur der Hexe war in der japanischen Popkultur schon immer Projektionsfläche für das „Andere“ – das Weibliche, Wilde, Unkontrollierbare. In Kombination mit queeren Themen, insbesondere im Kontext von Yuri-Manga (romantische und/oder sexuelle Beziehungen zwischen Frauen), entsteht daraus ein faszinierender Raum, in dem Magie und Identität eng verwoben sind.

Schon seit den 1970er-Jahren – etwa in Werken wie „Shiroi Heya no Futari“ (1971), einem der ersten ernsthaften Yuri-Mangas – werden weibliche Beziehungen oft mit einem Hauch von Unerklärlichem oder Übernatürlichem inszeniert. Die Hexe wurde dabei nicht immer explizit benannt, aber häufig in ihrer Rolle als Außenseiterin, Grenzgängerin oder spirituell Begabte angedeutet. Diese Narrative spiegelten nicht nur lesbische Sehnsüchte wider, sondern auch den inneren und äußeren Konflikt queerer Frauen in einer normativen Gesellschaft.

In späteren Jahren entwickelte sich aus dieser Grundstruktur ein subtiles, aber wachsendes Subgenre: die queere Hexengeschichte. Besonders im modernen Yuri finden sich Hexen immer wieder als Symbole für Selbstbestimmung, Anderssein und verborgene Begierde. Die Magie steht hier weniger für Macht über andere als für die Fähigkeit, sich selbst und die eigenen Gefühle anzunehmen – oft in einem Umfeld, das sie unterdrücken will.

Ein Beispiel ist „Witch’s Love Diary“, eine visuelle Novel und Manga-Adaption, in der Hexenkraft mit romantischem Begehren verbunden wird. In „Puella Magi Madoka Magica“, das zwar kein klassischer Yuri-Titel ist, aber starke homoerotische Untertöne trägt, wird die Hexenverwandlung metaphorisch mit Trauer, Isolation und ungestillter Liebe assoziiert – besonders bei den Figuren Sayaka und Homura.

„Alice und die Halbbluthexe“ reiht sich in diese Tradition ein, hebt sich aber auch ab: Die queere Identität ist hier nicht metaphorisch verschlüsselt, sondern explizit. Gleichzeitig bleibt das Hexensein ambivalent – mit Kräften, aber auch mit Ängsten, mit Ausgrenzung, aber auch mit Freiheit. Die „Halbbluthexe“ ist keine vollständige Zauberin, kein Mensch – sondern eine Figur „zwischen den Welten“ – und genau darin liegt ihre queere Lesbarkeit.In diesem Subgenre erleben wir also Hexen nicht nur als magische Wesen, sondern als Spiegel queerer Erfahrung: anders, begehrend, nicht eindeutig, oft missverstanden – aber auch mächtig, wenn sie zu sich selbst finden.

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