Tanizakis Werk umfasst zeitlich die japanischen Epochen Meiji (1868-1912), Taisho (1912-1926) und Showa (1926-1989) bis in die sechziger Jahre hinein. – Nachkriegszeit. Sein Debüt legte er in der Zeit des japanischen Naturalismus vor und der daraus hervorgegangenen Idominierenden literarischen Form der sog. Ich- Erzählung (shisho- setsu).
Er war in diesen wichtigen neuen literarischen Strömungen verwurzelt, hatte aber auch einen sehr persönlichen Ansatz. Er hielt nicht viel von der im Naturalismus geforderten Naturtreue. Die Freiheit erfundener Geschichten und der Genuss am schöpferischen Akt waren ihm hingegen zeitlebens immens wichtig.
Tanizaki hielt sich während seines gesamten Lebens von öffentlichem Engagement und politischen Betätigungen fern. Trotzdem spiegelt sein Werk die Begeisterung für die Kultur des Westens wider (im Falle unseres literarischen Beispiels durch die psychologische Führung der Protagonistinnen). Sein Werk ist geprägt von der Suche nach dem Authentischen, was auch bedeutet, dass er sich intensiv mit der japanischen kulturellen Tradition auseinandersetzte.
Über Tanizakis Werke und Einflüsse
Ein sehr prominentes und im Westen vielrezipiertes Beispiel für diese Besinnung auf die traditionellen japanischen Werte, vor allem in ästhetischen Fragen, ist: Lob des Schattens.
Es ist ein genialer Entwurf einer japanischen Ästhetik. Darin kommt seine schmerzliche Auseinandersetzung mit dem Vordringen der westlichen Zivilisation zum Ausdruck. Der Autor feiert hier in sechzehn Kapiteln das, was er als Essenz des japanischen Schönheitssinns versteht. Der Schatten als Ausdruck von Geheimnis und Trance, von Erd- und Naturverbundenheit und von Diesseitigkeit im Gegensatz zur abendländischen Bevorzugung von Helligkeit, Rationalität und Technik.
Der sowohl in japanischer, chinesischer, als auch in westlicher Literatur hochgebildete und belesene Tanizaki hatte sich unter dem Einfluss von Poe, Baudelaires, und des europäischen Fin de siecle zum Schriftsteller entwickelt. So kannte er genau den tiefen Gegensatz der beiden literarischen Traditionen, die sich im modernen Japan begegneten. Seine neue Sicht auf die japanische Ästhetik entwickelt er in dem Buch an einer genauen Beobachtung der Wirkungen und Bedeutung des Schattens in der japanischen Architektur. Er postuliert, dass die westlichen Menschen, wenn sie japanische Räume betrachten, sich über deren Einfachheit nur deshalb wunderten, weil sie die Rätsel des Schattens, der immer mitkonzipiert wird, nicht verstünden. Der Text lebt vor allem von der Gegenüberstellung eines traditionellen Japans und seiner sanften, dämmrigen Ästhetik mit der kalten, grell-hellen Zivilisation des Westens.

Tanizaki verfügte über eine umfassende Bildung und las schon als Kind und Jugendlicher klassische japanische Literatur ebenso wie westliche. So z. B Plato, Schopenhauer, Dante, Shakespeare. Seine Großmutter nahm ihn oft ins Kabuki Theater mit. In seiner Kindheit war ihm die Welt des alten Shitamachi – oder Downtown-Gebietes, die in der Flussniederung gelegenen alten Handwerks-, Kaufmanns- und Vergnügungsviertel Tokios vertraut. Allerdings wurden diese Viertel bei den großen Bränden während des Erdbebens (1923) fast vollständig zerstört.
Tanizaki sah die eigentliche Quelle seiner künstlerischen Kreativität in seiner Kindheit verwurzelt, die noch von dem traditionellen Japanischen Leben geprägt worden war. Viele der alten Orte aus dieser Zeit tauchen in seinen Werken wieder auf. Immer mit einer nostalgischen Reminiszenz. Aber auch eine Form des Exotismus ist immer präsent, wenn er in seinen Erzählungen und Romanen den Westen mit Hilfe von Gegenständen und Assoziationen mit einbezieht.
Tanizaki und Frauenfiguren
Tanizakis Frauenfiguren sind sehr oft mit einer Mischung aus Faszination und Furcht vor dem Überwältigenden und Animalisch-Kreatürlichen ausgestattet. So auch in unserem Beispiel. (Eine Katze, ein Mann und zwei Frauen, 1936). Die männlichen Protagonisten fühlen sich oft dieser weiblichen Macht ausgeliefert. Eigentlich ganz widersprüchlich zur vorwiegend patriarchalen Grund-Disposition der japanischen Gesellschaft. Tanizakis weibliche Figuren zeigen seinen Hang zur Fetischisierung und Dämonisierung der Frau. Oft sind starke, selbstbestimmte Frauen, mit einem gewissen Hang zu Grausamkeit zu beobachten.
Tanizaki gilt zu Recht als der japanische Autor des zwanzigsten Jahrhunderts, der wie kein anderer das menschliche Begehren in all seinen ironischen, gewaltsamen, pathetischen und komischen Aspekten ästhetisch überzeugend gestaltet hat.
In Eine Katze ein Mann und zwei Frauen wagte Tanizaki einen facettenreichen Stil und experimentierte mit der Form. Er beginnt mit einem Brief. Das ist ein uraltes bewährtes literarisches Stilmittel Japans. Auch Tagebuch- und Briefromane gibt es hier seit frühester Zeit.
Die Katze in der japanischen Literatur
In der japanischen Literatur haben Katzen eine lange und vielschichtige Geschichte, die von Folklore bis hin zu modernen Romanen reicht. Sie werden oft als Symbole für Glück, Unabhängigkeit, das Übernatürliche und manchmal auch als unberechenbare Wesen dargestellt.
In historischer Perspektive wäre hier auf einen Klassiker der Literarisierung der Katzen hinzuweisen, auf Sôseki Natsumes 1905/1906 veröffentlichtes Buch Wagahai wa neko de aru (dt. Ich der Kater, 1996; übersetzt von Otto Putz), in dem die Welt der Menschen aus dem Blickwinkel eines – in Spiegelung seines Herrn – von sich recht eingenommenen Katers betrachtet wird.
Tanizaki setzt diese Tradition seines Lehrers Soseki mit seinem Buch fort. Die Schildpattkatze Lily spielt hier eine ganz herausragende Rolle.
Generell sind Katzen seit langem Teil der japanischen Kulturgeschichte. In Vormoderne und Moderne werden sie häufig in der Kunst, z. B. als Katzenmonster (bakeneko, nekomata), dargestellt, in der Gegenwart erscheinen sie in den verschiedenen literarischen Genres wie Lyrik, Essay, Tagebuch, Kurzgeschichte, Roman und Kinderliteratur, ebenso wie man die Tiere in Manga und Anime porträtiert.
Bestseller-Katzenliteratur aus Japan handelt meist von schwierigen Umständen, in denen sich die menschlichen Protagonisten befinden. Die Tier-Protagonisten, die Freiheit und Eigenständigkeit repräsentieren, übernehmen die Rolle, die Menschen auf dem Weg der Reifung und Überwindung von Traumata zu unterstützen. Ein Wohnumfeld, das Katzen beheimatet, verkörpert nicht selten Nostalgie nach einem lebenswerten Leben. Die Motive von „Trost und Heilung“ werden damit verbunden. In der japanischen Literatur hat sich sogar ein eigenes Genre entwickelt, das die Katze in den Mittelpunkt stellt. In der nicht selten biblio-therapeutisch angelegten sog. neko bungaku stehen Verlusterfahrungen, Ängste und andere Probleme im Mittelpunkt. Die Katzen fungieren als Helferfiguren, sind also keine selbständigen „tierlichen Akteure“. Die aktuellere japanische Katzenliteratur im Zeichen der Unterhaltungsindustrie läuft aber Gefahr, das Genre durch allzu schematisierte, melodramatisch aufgeladene und für den „Massengeschmack“ angepasste Beiträge weniger reizvoll erscheinen zu lassen.
Tanizaki Jun’ichiro: Eine Katze, ein Mann und zwei Frauen, 1936
Ein Mann von schwachem Charakter und nur sehr geringer Initiative – Shozo – steht zwischen zwei, eigentlich drei Frauen; seiner Exehefrau, der gegenwärtigen Gefährtin und seiner Mutter.

In die Geschichte führt gleich zu Anfang ein Brief der Exehefrau Shinako ein, welche die Aufmerksamkeit der Lesenden ins Zentrum der Verwicklungen führt. Sie schreibt an ihre Nachfolgerin Fukuko, dass ihre Ehe an der engen Beziehung ihres Exmannes zu seiner Katze Lily gescheitert sein. „…Er war ja so vernarrt in Lily! Oft hat er gesagt: ,Ohne Dich könnt ich auskommen, aber ohne diese Katze? Nie!‘ Ob bei Tisch oder im Bett, immer hat er sich mehr mit ihr abgegeben als mit mir … Darüber würde ich mir an Ihrer Stelle mal Gedanken machen.“
Mit diesem Brief wirbelt Shinako eine Menge Staub auf und die erst noch harmonisch wirkende Beziehung der neuen Eheleute wird dadurch entscheidend und nachhaltig gestört. Fukuko beginnt, eine ganz neue Perspektive auf ihre Beziehung zu ihrem Ehemann zu entwickeln.
Weder Shinako, noch Fukuko, und erst recht nicht die Mutter Shozos verstehen seine Einsamkeit, die nur Lily zu mildern vermag. Mit ihren traurigen Augen gelingt es ihr, in sein Herz vorzudringen unjd ihn zu trösten. Umgekehrt scheint auch niemand außer Shozo in der Lage zu sein, den tief im Herzen der Katze verborgenen Kummer Wahrzunehmen und zu verstehen. Jun’ichiros Erzählweise gelingt es meisterhaft, die Unmöglichkeit einer sprachlichen Kommunikation, wie sie in dem Mensch-Tier-Verhältnis von Natur aus angelegt ist, auch zwischen den Menschen erfahrbar zu machen. Wahre Gefühle in verbalisierte Form zu bringen gelingt den Menschen keinen Deut besser als der Katze. Nur die Stimme des Herzens überbrückt diesen Abgrund. Und so ist das Band zwischen Shozo und Lily zunächst das stärkste.
Erst als Shinako sich nach vielen Umwegen auch einer anderen Wahrnehmung des Tieres öffnet und beginnt mit ihr zu kommunizieren, gewinnt sie an Souveränität und kann sich aus dem Bann des eigentlich ohnehin ungeliebten Menschen befreien. Lily erscheint im Gegensatz zu den menschlichen Akteuren von Anfang an selbstbestimmt und bleibt trotz scheinbarer Abhängigkeiten handlungs- und entscheidungsfähig. Dass Lily eine Rassekatze ist und vermutlich aus Europa stammt, ist eine kleiner versteckter Hinweis auf Tanizakis Achtung für Europäische kulturelle Werte, wie er sie ganz oft in seinen Werken einflicht.
