Der Hauptschlüssel von Togawa Masako

Togawa Masako als Autorin fällt mit ihrem von uns gewählten Werk, Der Hauptschlüssel (1962 unter dem Titel Ooinaru Gen’ei – wörtliche Übersetzung: Die große Illusion – erstmalig erschienen) aus der Reihe der bisher gelesenen japanischen Literatur deutlich heraus. 

Im deutschen Literaturkanon würde dieses, am ehesten als Krimi zu bezeichnende Werk, der Belletristik zugeordnet. Dazu sei hier ein wenig ausgeholt:

Die Krimi-Literatur als Genre in Japan

Masako Togawa

Auch die japanische Literaturkritik unterscheidet seit den 1920er Jahren, unter dem Einfluss westlicher Literaturrezeption, die literarische Produktion (bungaku) in drei Kategorien. 

  • Reine Literatur (jun-bungaku). Ihr eignet laut Literaturkanon ein auf Innerlichkeit und ästhetischer Qualität begründeter Kunstcharakter.
  • Die sog. „Zwischenerzählung“, oder “mittlere Prosa” (chukan shosetsu) bezieht sich auf Prosawerke, die sich zwischen traditionellen und modernen Erzählformen bewegen, wobei Bausteine aus beiden Kategorien verwendet werden können. 
  • „Massenliteratur“ (taishū bungaku), die hauptsächlich auf Spannung, Action, Unterhaltung und Zugänglichkeit für ein breites Publikum ausgelegt ist.  Kriminalromane (Suiri-shōsetsu), Detektivgeschichten (Tantei-shōsetsu), Durch die Entstehung kostengünstiger Magazine und Buchreihen konnte diese Richtung populärer Unterhaltungsliteratur entstehen. Anfangs dominierte vor allem historische Fiktion (Jidai-shōsetsu). „Obwohl lange Zeit von der akademischen Literaturkritik als „Trivialliteratur“ abgewertet, sind die Grenzen heute fließender. Viele Taishū bungaku-Autor:innen genießen enormes Ansehen, verkaufen Millionen von Büchern und bilden die direkte Vorlage für erfolgreiche Anime, Dramen und Filme.“

Das vorliegende Werk, „Der Hauptschlüssel“ wird sowohl in der europäischen, als auch in der japanischen Literaturkritik der Kategorie des taishū bungaku zugeordnet, genießt aber in beiden hohes Ansehen. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass es mit dem renommierten Edogawa-Ranpo-Preis ausgezeichnet wurde, der bereits seit 1955 an den jeweils besten Kriminalroman des Jahres verliehen wird. Auch Togawas zweiter Roman (Schwestern der Nacht – Ryojin Nikki) wurde 1963 ein Bestseller. Seit damals zählte sie zu den erfolgreichsten Romanautor:innen Japans. In der Verfilmung von Schwestern der Nacht verkörperte Togawa selbst die Hauptrolle. Dies ist ein augenfälliges Beispiel für die öffentliche Anerkennung und Bedeutung von gelungenen Werken der taishū bungaku.

Nun stellt sich die Frage, warum ein so interessantes Werk der Kriminal-Literatur erst 1990 erstmals ins Deutsche übersetzt wurde, und dann auch nicht einmal aus dem Original, sondern aus der ebenfalls erst 1985 erstellten englischen Übersetzung.

Anders als das japanische Literatur-Publikum, das immer aufmerksam und begierig westliche Krimis konsumierte und die namhaftesten Beispiele von Patricia Highsmith bis Ruth Rendell kannte, wurde Kriminalliteratur aus Japan im Westen nicht zur Kenntnis genommen. Vor der legendären Frankfurter Buchmesse 1990, die Japan zum Schwerpunktthema hatte, war ja ohnehin auch die sog. gehobene japanische Literatur einem Fachpublikum vorbehalten und entsprechend wenige (gute) Übersetzungen waren in deutscher Sprache zugänglich.

Das änderte sich 1990 schlagartig. Der wirtschaftliche Boom der 80er Jahre in Japan hatte das Interesse an dieser erfolgreichen Nation extrem gesteigert. Allein im Jahr 1990 wurden über 230 Neuübersetzungen und Nachdrucke japanischer Literatur aufgelegt. So auch Togawas Werk! Das Fach der Japanologie entwickelte sich erfolgreich an europäischen Universitäten und brachte die Ausbildung qualifizierter Übersetzer:innen mit sich. Obwohl zunächst von den ökopolitischen Veränderungen angetrieben, verlagerte sich das Interesse verstärkt auf Kunst und Kultur. Der renommierte Insel Verlag begann die Herausgabe seiner 32-bändigen Japanischen Bibliothek. 

Um zu verstehen, warum Togawa Masako Anfang der 60er Jahre in Japan Kriminalromane schreiben und damit reüssieren konnte, sollte man sich die gesellschaftlichen und künstlerischen Kontexte verdeutlichen.

Die japanische Gesellschaft der 60er Jahre war geprägt von einer rasanten High-tech-Entwicklung, war aber im Vergleich mit westlichen Ländern noch wesentlich traditioneller, vor allem in Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter zueinander, sowie generell im Zusammenhang der gesellschaftlichen Rollenbilder. Die psychopathologischen Nachwirkungen des Pazifischen Krieges (2. WK) waren weniger vernarbt, aber der Eifer, mit dem Westen kulturell, ökonomisch und technisch gleichzuziehen, war stark ausgeprägt und bestimmte die Atmosphäre. 

Innerhalb dieser disparaten gesellschaftlichen Situation stellte sich Togawa als Außenseiterin besonderer Ausprägung dar. Um das nachvollziehen zu können, lohnt sich ein kurzer Blick auf ihre Biographie. 

Biographie Togawa

Togawa mit ihrem Markenzeichen-Haar

1931 in Tokio geboren, wuchs die spätere Krimiautorin, Chansonsängerin, Songwriterin, Schauspielerin, lesbische Ikone, Nachtklub-Besitzerin, Musiklehrerin und Mitglied eines Stadtplanungsgremiums als Kind einer alleinerziehenden Mutter auf. Nach dem Kriegstod ihres Vaters lebte sie in sehr beschränkten Verhältnissen. Nach dem Abschluss der High School arbeitete sie fünf Jahre als Sekretärin. Mit 23 hatte sie ihr sängerisches Debut in dem bekannten Tokioter Nachtclub Gin-Pari.

Sie gebar einige Kinder, das letzte im Alter von 48 Jahren, über die sie stets den Schleier des Schweigens hüllte. Als Figur des öffentlichen Lebens pflegte sie eine auffällige Erscheinung. Vor allem ihr Afro-Hair-Style wurde zur Marke.

1961 begann sie in den Auftrittspausen hinter der Bühne zu schreiben. Mit ihrem Erstling, Der Hauptschlüssel, gewann sie dann 1962 auf Anhieb den Edogawa-Rampo-Preis. Der Roman spielt in dem Apartment, in dem sie zusammen mit ihrer Mutter aufgewachsen war. In der Folge schrieb sie mehr als 30 Romane, und zwanzig Erzählbände. Sie ist eine der populärsten Mystery Writers in Japan. Die meisten Werke entstammen ihrem sozialen Erfahrungsraum. 

1967 verwandelte sie den Coffeeshop ihrer Schwester in einen Nachtclub. Unter dem Namen Aoi Heya (Blue Room) wurde er ein beliebter Treffpunkt für Berühmtheiten, ein Lesben Nachtklub, ein Chanson-Club und vor allem ein Live-Musik-Club. Als Juliette-Gréco-Fan und begeisterte Paris-Besucherin gab Tokawa dem Aoi Heya ein Profil, das alle Arten Frankophiler Menschen anzog. Ihr eigener Gesangsstil ist auch deutlich von ihrem französischen Vorbild geprägt. Aufnahmen aus ihrem Club belegen das nachdrücklich. Togawa spielte ihre Songs auf mehreren Platten ein. 

In Japan war die Autorin auch als Essayistin und Kommentatorin im Fernsehen bekannt. Daneben spielte sie eine Hauptrolle in der TV-Show Playgirl, welche von 1969 bis 1974 gezeigt wurde. Der Plot der Serie ist stark an Togawa selbst orientiert. Dort gründet eine Mystery-Autorin eine ausschließlich aus Damen bestehende Gruppe von Detektivinnen, die sich die Lösung von „white-collar“-Kriminalfällen zur Aufgabe macht. 

Außerdem verkörperte Togawa eine Reihe anderer Rollen in Film und Fernsehen, oft in Stücken, bei denen sie als Co-Autorin fungierte.

Togawa Masakos Stil

In Unkenntnis der sonstigen japanischen Kriminalliteratur sei hier eine Expertenmeinung (Thomas Wörtche in: Togawa, Masako, Schwestern der Nacht, Zürich 2009) zum Thema Krimi in Japan zitiert:

„Innerhalb der japanischen Kriminalliteratur, die seit den seligen Zeiten von Ruiko Kuroiwa1 vom ‚re-writing‘ französischer und angloamerikanischer Muster geprägt gewesen war, brach Masako Togawa mit dem Mordpuzzle als dominierender Form.“ (…)

„Der profilierteste Krimiautor war zuvor unter dem Einfluss dieser (a. d. A. Kuriowas) Übersetzungen Edogawa Ranpo (eigentlich Hirai Tarō) gewesen. In seiner Jugend las Edogawa viele Romane und Geschichten und war ein großer Bewunderer von Edgar Allan Poe.  Sein Pseudonym Edogawa Rampo ist die japanisch phonetische Version von Edgar Allan Poe und als solche ein Hinweis auf sein künstlerisches Programm.

Ranpo „diktierte jahrzehntelang den Begriff ‚Krimi‘, bei dem sich Gesetz und Ordnung, vertreten durch wackere Polizeidetektive, durchsetzen. Bei Togawa ist dieses Strukturelement zum ironischen Spiel geworden. Wer die oder der Mörder:in ist, scheint lange Zeit klar und ist es dennoch nicht, und die staatliche Gerechtigkeit ist irrelevant. Mit dieser Volte ist Togawa schon sehr nahe an Patricia Highsmiths moralische Grauwerte gerückt, was allerdings in einer autoritäreren Gesellschaft als in den USA noch riskanter war, zumal Masako Togawa auf alle Traditionalismen verzichtet. Ihr Tokio könnte jede Großstadt der Zeit sein, japanische Folklorismen fehlen. (…)

 Aber Masako Togawas Beitrag zur Ausbildung eines spezifischen weiblichen Blicks auf die verbrecherischen Potentiale des Alltags beschränkt sich nicht nur darauf, das östlicher Pendant von der westlichen kalten Analyse der menschlichen Verhaltens und vom eisig-distanzierten Erzählton zu liefern. (…) weit radikaler als ihre westlichen Kolleginnen geht sie mit den sexuellen Details um, die für die Handlung wesentlich sind.“ (Thomas Wörtche, 2009)

Worum geht es in „Der Hauptschlüssel“?

Ein Frauenwohnheim in Tokio, in dem alleinstehende und berufstätige Frauen leben, soll versetzt werden, weil die Straße erweitert wird. Aufruhr tritt ins Leben der Bewohnerinnen, die sich vordergründig mit ihrem isolierten, unauffälligen Dasein abgefunden haben. Aber jede hat im Verborgenen Emotionen, Geheimnisse und Obsessionen – und alle lauern einander auf, um ihre Neugier zu stillen.

Dabei spielt der Hauptschlüssel zu dem Gebäude, sowie die Frage, wer rechtmäßig oder nicht, in seinem Besitz ist, eine ganz entscheidende Rolle. Der Schlüssel tritt quasi als Protagonist in Erscheinung, er allein öffnet alle 150 Appartements des Hauses, die ausschließlich Frauen zur Wohnstatt vorbehalten sind.  Im Laufe der Geschichte wird ein virtuoses Verwirrspiel mit vielen zeitlichen Rückblicken entworfen. In den fast undurchdringlichen Verwicklungen der Personen lotet Togawa kunstvoll und humorvoll die Psyche verschiedenster Frauen im Japan der Nachkriegszeit aus. 


Fußnoten:

1 Kuroiwa Ruikō (1862-1920): In jungen Jahren schon schloss sich Kuriowa der „Bewegung für Demokratie und Menschenrechte“ an, wurde bald in politische Auseinandersetzungen verwickelt und verließ seine Schule. Nachdem er ein Buch über Politik publiziert hatte, wurde er Herausgeber der Zeitung „Dōmei Kaishin Shimbun“. Später gründete eine eigene Zeitung unter dem Namen „Yorozu Choho, (萬朝報), etwa „Vollständige Information am Morgen“. Die Zeitung gewann schnell Zuspruch wegen ihres Abdrucks von westlichen Novellen in Serienform und wegen ihrer groß aufgemachten Reportagen zu sozialen Fragen und Skandalen. Kuroiwa pflegte Kontakte zu Pädagogen, religiösen Führern und Schriftstellern und beeinflusste mit seiner Tätigkeit die öffentliche Meinung. Er übersetzte erstmalig Werke von A. Dumas und V. Hugo ins Japanische.


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