Schönheit und Trauer von Kawabata Yasnunari

Kawabata Yasunari (1899-1972)

Biographie und Werk

Gerade noch im 19. Jahrhundert, am 11. 6. 1899, in Osaka geboren, wurde Kawabata Yasunari schon als kleines Kind Vollwaise. Zunächst von seinem Großvater, später von einem Onkel aufgezogen, kam er achtzehnjährig nach Tokyo und studierte dort englische und japanische Literatur. 1924 gründete er zusammen mit anderen Literaten die Sensualistenzeitschrift Bungei Jidai. 

Mit seinen experimentellen Texten sublimierte er seine „Waiseneinsamkeit“ literarisch. Schon früh trat er mit seinen sog. Handtellergeschichten (auch Handflächengeschichten) an die Öffentlichkeit. Diese Vorform der Short-Short-story brachte ihm internationale Anerkennung und schließlich auch 1968 den Nobelpreis ein. Viele seiner Texte wurden zunächst Kapitel-weise in Zeitschriften veröffentlicht und bekamen erst nach vielen Jahren ihre zusammenhängende, größere Form. Ein Gutteil der bei ihm gerühmten eigenwilligen Struktur, welche von Bild zu Bild, oder Episode zu Episode gleitet, ist diesem Umstand geschuldet. Dass er dann aber doch in vielen Fällen eine in sich schlüssige Großform daraus gießen konnte, ist seiner Meisterschaft geschuldet.  

Wie die meisten seiner Kolleg:innen hatte er eine frühe, experimentelle Phase , in der er auch öffentlich und mit Hilfe von Bungei Jidai vehement für literarische Innovationen eintrat. Er ließ sich, durchaus im Geist der Zeit, von den Bewegungen des Futurismus, Expressionismus, Dadaismus und von der Psychoanalyse anregen. Neue Ausdrucksmittel wie freie Assoziation, Unmittelbarkeit der Darstellung und die Abwendung von konventioneller Anordnung der Gedanken wurden getestet. Seit dem Ende des Pazifischen Krieges (2. WK) nahm aber die Verbundenheit und Verpflichtung dem eigenen kulturellen Erbe gegenüber wieder zu und begründete seinen Ruf als traditions-verwurzelter Autor, als den ihn auch das Nobelpreis-Komitee rühmte. Dabei traten im öffentlichen Bewusstsein seine modernistischen Anfänge und die zeitgenössische Qualität seines Werkes bedauerlicherweise in den Hintergrund. Das freie, assoziative Schreiben kam seinem Naturell zunächst entgegen und begründet die für ihn charakteristische Werkstruktur der offenen Form. So konnte dieser Autor die für den japanischen Literaturmarkt typischen kürzeren Texte in Zeitschriften unterbringen, seinen Lebensunterhalt sichern und danach die kurzen Texte in eine romanhafte Großform bringen. Die Kategorie „Roman“ meint in diesem Zusammenhang lediglich ein Werk größeren Umfangs, das seine Genese jedoch nicht einem vorher geplanten Gesamtkonzept verdankt, sondern es konnte sich schrittweise nach und nach relativ ungeplant entwickeln.

Zu den Hintergründen seiner drei berühmtesten Werke (Schneeland, 1937 bis 1948, Tausend Kraniche, 1952 und Ein Kirschbaum im Winter, 1952) bemerkte er selbst:

„Ich hatte nicht die Absicht, Tausend Kraniche, oder auch Ein Kirschbaum im Winterso lange fortzusetzten. Sie sollten mit einem Mal als kurze Erzählungen beendet sein. Ich habe nur weiter aus dem geschöpft, was der Nachhall hinterließ. Demzufolge ist es wohl die nackte Wahrheit, wenn man meint, beide Werke seien schon mit den ersten kapiteln, die den jeweiligen Werktitel als Überschrift tragen, abgeschlossen. Was nachher noch folgte, habe ich mir selbst genießerisch vergönnt. Auch bei Schneeland war das der Fall. (…). Und da ich beabsichtigt hatte, sowohl Tausend Kranichewie auch Ein Kirschbaum im Winterals kurze Erzählungen in einer einzige Zeitschriftennummer zu beenden, ist die Konzeption, welche jetzt diesen Werken zugrunde zu liegen scheint, nicht vorher geplant worden.“

Ein funktionierendes Missverständnis also? Es sieht so aus!

Deswegen wurde Kawabatas literarisches Gestaltungsprinzip auch häufig als „linear und assoziativ-verkettend beschrieben und einem architektonisch-durchkonstruierten“ gegenübergestellt.

„Ihren Zusammenhang erhalten solche Texte naturgemäß weniger durch eine stringente Handlungsführung oder eine inhärente Logik, mit der sich eine Situation aus der anderen erklärt, als vielmehr durch eine immer wieder aufgegriffenen Grundthematik und das Entfalten von Visionen und Bildern über zahlreiche Metamorphosen hinweg, das viele Interpreten als leimotivische Technik deuten, das jedoch – und so sah es auch Kawabata selbst – mindestens ebenso stark an Gestaltungsprinzipien der japanischen Kettendichtung erinnert, in der nach komplexen Regeln einzelne selbstständige Einheiten zu einer größeren Einheit zusammenkomponiert werden, ohne dass zu Beginn der Gesamtumfang festgelegt sein muss.“

(Irmela Hijiya-Kirschnereit, 2022)

Für das vorliegende Werk Kawabatas Schönheit und Trauer gilt, was auch für sein Gesamtwerk formuliert wurde:

„Charakteristisch ist auch, wie Naturphänomene und seelische Befindlichkeiten ineinander verflochten erscheinen, und schließlich (…), dass die Gegenwart des erlebenden Subjekts ständig von Träumen, Erinnerungen oder Assoziationen durchwebt ist, was zu einer ganz eigenen Färbung dieser Literatur beiträgt. Modern daran ist, dass das Reale nicht eindeutig der Ebene der Alltagswirklichkeit im Hier und Jetzt zuzuordnen ist, sondern eine in der Schwebe gehaltene und ganzheitliche Erfahrung vermittelt, die alle Bewusstseinsebenen einschließt.“

(Irmela Hijiya-Kirschnereit, 2022)

Kawabata war schon lange vor der Verleihung des Nobelpreises in Japan eine literarische Institution. Nicht nur für sein Prosawerk, war er vor allem auch für seinen Einsatz als Förderer des literarischen Nachwuchses geschätzt. – Mishima Yukio!

Schönheit und Trauer(1964)

Wollte man das Programm, bzw. die durchgehende Thematik von Kawabatas lebenslangem Schaffen auf einen kurzen Nenner bringen, käme man bald auf die zentrale Formel von Schönheit und Trauer. Mit diesen beiden Schlüsselbegriffen überschreibt er dann auch sein letztes, zusammenhängendes Erzählwerk 1964.

Mit zunehmendem Alter stellte der Autor auch immer ältere Protagnisten ins Zentrum seiner Geschichten. Im Falle von Schönheit und Trauer ist es der 54-jähriger Schriftsteller Toshio Oki, der sich, seiner fortgeschrittenen Einsamkeit bewusst werdend, an seine nun 39 Jahre alte ehemalige Geliebte erinnert und sie wieder sehen möchte. Unschuldiger Anlass dafür soll das jährliche Neujahrsläuten der Tempelglocken in Kyoto sein, wo Otoko, inzwischen eine erfolgreiche Malerin des traditionellen Stils, seit der Trennung lebt. Fern von seiner eigenen Familie hofft Oki sich Ototko nach 24 Jahren wieder annähern zu können.

Es wäre die erste Begegnung der Beiden seit der leidenschaftlichen Affäre zwischen dem da bereits verheirateten Dreißigjährigen und der sechzehnjährigen Schülerin. Sie hatte das Kind, das sie von ihm damals erwartete, im achten Monat verloren, überlebte nur knapp einen Selbstmordversuch und musste daraufhin einige Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbringen. 

Oki quält auf der Reise von Kamakura nach Kyoto unentwegt der Gedanke, Otokos Leben zerstört zu haben. Schließlich hatte damals sein Romandebüt – Ein Mädchen von sechzehn Jahren – die Geschichte ihrer Liebe zum Inhalt. Okis Frau Fumiko, die das Manuskript für ihn bearbeitet hatte, erlitt nach Abschluss dieser Arbeit ebenfalls eine Fehlgeburt. Kawabata schreibt: „Zwei Leben waren mit diesem Roman begraben (und) das Buch hatte sich dem Autor entzogen und führte ein Eigenleben“. Die literarische Verarbeitung von Okis Seitensprung verhalf dem Schriftsteller zwar zu seinem gegenwärtigen Ruhm, forderte aber diese schwerwiegenden Opfer. 

Otoko blieb nach der Trennung unverheiratet und lebt nun in einer erotischen Beziehung mit ihrer jungen Schülerin Keiko, doch in ihren Gemälden spiegelt sich, zumindest nach Meinung Keikos, ihre immerwährende Liebe zu Oki.

Als sich die immer noch aparte Malerin und ihre „dämonisch schöne“ Schülerin Keiko in Begleitung zweier Geishas mit Oki gegenüberstehen, ist dieser sicher, noch immer von Otoko geliebt zu werden, obwohl sie ihm kalt und distanziert begegnet. Auch schickt Otoko immer nur Keiko um Oki zu begrüßen oder zu verabschieden und bleibt selbst im Hintergrund. Sie vermeidet tunlichst eine Begegnung alleine mit Oki. So geht die Initiative zunehmend auf Keiko über. Die androgyne, wilde und temperamentvolle Schülerin will sich in ihrem Selbstverständnis als Otokos Geliebte an Oki für die langjährigen Qualen ihrer Lehrerin rächen. Otoko versucht alles, sie von dem Plan abzubringen. Aber ein wildes Gemisch aus Liebe, Eifersucht und ungezügelter Leidenschaft treibt Keiko an und düstere Vorahnungen mehren sich, dass sich das Geschehen einem verhängnisvollen Höhepunkt nähert. Unbeirrt beschließt Keiko schließlich ganz ausgefeilt, Rache an Oki zu nehmen. „Ich will von Herrn Oki ein Kind für dich stehlen. Ich würde es zur Welt bringen und dir geben.“
Kokett schleicht sie sich in das Leben des Schriftstellers, schenkt ihm ihre besten Bilder und versucht so, sein Vertrauen, bzw. seine Liebe zu gewinnen. Sie will ihn an seinem empfindlichsten Punkt treffen und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Das Setting der Handlung

Die dramatische Handlung des Buches ist vor dem Hintergrund des ästhetisierten und durchstilisierten Ambientes der berühmtesten Schauplätze des traditionellen Kyoto ausgebreitet. Die akribischen Schilderungen seiner Tempel, Steingärten, Naturschönheiten und Restaurants erscheinen bisweilen fast einem Reiseführer entlehnt. Kawabata blendet die profane, bzw. alltägliche Wirklichkeit seiner Protagonisten gekonnt aus. Er beschwört eine Welt schöner Frauen und sensibler, kunstsinniger Männer. Lange Passagen poetischer Naturbetrachtungen und ergreifender Sonnenuntergänge stehen für symbolisch aufgeladene Blicke auf die psychische Verfassung der Figuren. Erinnerungen an eine leidenschaftliche Liebe, die in Okis literarischem Jugendwerk (Ein Mädchen von sechzehn Jahren) die Zeiten überdauerte, lösen bei den Protagonist:innen Gefühle zwischen  Melancholie, Trauer, Sehnsucht und Rache aus. 

Formal gestaltet Kawabata dieses Werk, wie für ihn charakteristisch, episodenhaft und wechselt in den Kapiteln jeweils die Perspektive und die Schauplätze. Anfangs liegt der perspektivische Fokus bei Oki, verlagert sich aber nach und nach immer mehr zu Otoko und schließlich ganz hin zu Keiko. Er arbeitet mit fließenden Übergängen zwischen verschiedenen Zeitebenen, mit gewagten Assoziationsketten und bisweilen surreal anmutenden Passagen. 

Im Gang der Ereignisse verkehrt sich das Kräfteverhältnis: War Otoko als junges Mädchen hilflos den Verführungskünsten ihres Liebhabers ausgeliefert, gewinnen jetzt die Frauen die Überhand

Neben diesem Beziehungsdrama voll starker Gefühle auf allen Seiten, das nur in einer Katastrophe enden kann, enthält der Roman auch Reflexionen zur Kunst – auf Otokos Seite der abstrakten Malerei, auf Okis Seite der Literatur (S. 29 f). Kawabata verknüpft Trauer und Schönheit als zwei Seiten einer Medaille und zeigt, wie auch schon in früheren Werken, dass Schönheit traurig und Trauer schön sein kann.


Quellen: 

Schaarschmidt, Siegfried, Michiko Mae: Japanische Literatur der Gegenwart, Wien 1990.

Hijiya-Kirschnereit, Irmela: Ausgekochtes Wunderland. Japanische Literatur lesen, München 2008. 

Hijiya-Kirschnereit, Irmela (Hg.): Japanische Gegenwartsliteratur, München 2022.

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