In unserem Lesekreis haben wir uns diesmal mit einem modernen Klassiker der japanischen Literatur beschäftigt: Kitchen von Banana Yoshimoto. Der einfühlsame Roman über Verlust, Liebe und Heilung ist das Debüt der Autorin und erschien 1988 in Japan. Auf Deutsch liegt er seit 1992 in der Übersetzung von Wolfgang E. Schlecht vor.
Die Autorin: Banana Yoshimoto

Banana Yoshimoto, geboren als Mahoko Yoshimoto (1964 in Tokio), ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Japans. Ihr Künstlername „Banana“ steht für etwas Androgynes, Warmes und Persönliches. Geprägt vom intellektuellen Umfeld ihrer Familie – ihr Vater war ein einflussreicher Kritiker – entwickelte sie früh ihren eigenen literarischen Stil. Bereits ihre erste veröffentlichte Geschichte Moonlight Shadow brachte ihr Anerkennung, doch es war Kitchen, das den Kultstatus begründete.
Banana Yoshimoto (geb. 1964), ist die Tochter von Takaaki Yoshimoto (auch bekannt als Ryūmei), einem einflussreichen Denker der japanischen Neuen Linken, Dichter und Literaturkritiker und von Kazuko Yoshimoto, einer Haikudichterin. Inspiriert durch ihre ältere Schwester Yoiko Haruno, eine erfolgreiche Mangaka, suchte Banana Yoshimoto etwas, das ihr selbst Spaß machte, und fing mit etwa fünf Jahren an zu schreiben. Für ihre Abschlussarbeit, ihre Dissertation im Fach humanistische Studien, die Erzählung Moonlight Shadow, bekam sie 1986 den Dekanspreis ihrer Universität. Moonlight Shadow ist der dritte Teil ihres dreiteiligen Romans Kitchen.
Yoshimotos Werke handeln häufig von Verlust, innerer Heilung und zwischenmenschlichen Beziehungen. Ihr Stil ist ruhig, poetisch, zugänglich – mit einem Gespür für das Unsichtbare im Alltäglichen. Kritiker*innen loben ihre Fähigkeit, ernste Themen mit Leichtigkeit und Empathie zu erzählen. International wurde sie mit Haruki Murakami verglichen, ohne jedoch dessen surrealistische Tendenzen zu teilen.
Stilistisch laviert Yoshimoto in ihrem Erstling zwischen Naivität und Sicherheit, Liebesroman und Science Fiction, Instinkt und Erfahrung. Die Lebenseinstellung der Protagonistin Mikage hat noch etwas Kindliches. Nicht die Logik rechtfertigt ihre Entscheidungen und Wahrnehmungen, sondern das Bedürfnis sich die Wirklichkeit, die sie umgibt zu erklären, so wie Kinder es sonst über Märchen tun. Die Strategie soll beim Eintritt in das Erwachsenen Leben helfen. Die Freiheit, die es Yoshimoto erlaubt, den Verlauf der Geschichte einer poetischen, scheinbar oberflächlichen Willkür zu überlassen, wird hier jedoch nicht vom Märchen vermittelt, sondern vom shojo manga. Yoshimoto wird diese Technik im Laufe ihres Schriftstellerinnendaseins weiter perfektionieren.
Worum geht es in Kitchen?
Mikage Sakurai ist eine junge Frau, die nach dem Tod ihrer Großmutter vollkommen allein ist. Die Großmutter war ihre letzte lebende Verwandte, ihr einziger Halt. In dieser Zeit größter Einsamkeit wird sie von Yuichi Tanabe, einem früheren Bekannten, eingeladen, vorübergehend bei ihm und seiner Mutter Eriko zu wohnen. Die beiden führen ein offenes, herzliches Haus – und Mikage, die eine tiefe Verbindung zu Küchenräumen verspürt, beginnt, sich wieder ein Stück weit zu Hause zu fühlen.

Eriko, Yuichis Mutter, ist eine Transfrau, deren Wärme und Lebensfreude Mikage sofort einnimmt. Sie betreibt einen Nachtclub und ist eine der schillerndsten Figuren des Romans. Die unkonventionelle Konstellation
von Mikage, Yuichi und Eriko entwickelt sich schnell zu einer Wahlfamilie. Mikage findet Trost in der Küche, beginnt als Assistentin einer Kochlehrerin zu arbeiten und zieht schließlich aus. Doch bald darauf stirbt Eriko auf tragische Weise – sie wird von einem Mann ermordet, der sie als Transfrau hasste.
Der Tod von Eriko wirft Yuichi aus der Bahn, und Mikage kehrt in sein Leben zurück, um ihn in seiner Trauer zu begleiten – eine Spiegelung ihrer eigenen Vergangenheit. Es wird deutlich, dass Yuichi Gefühle für Mikage entwickelt hat, doch sie zögert. In einem symbolträchtigen Moment erkennt Mikage während einer Mahlzeit in Izu, dass sie ihm Katsudon bringen will. Diese spontane Geste bringt sie zurück zu ihm – eine stille, aber bedeutungsvolle Annäherung.
Moonlight Shadow – Zweite Novelle im Band
In der zweiten Geschichte des Bandes, Moonlight Shadow, erzählt Satsuki von ihrem Verlust: Ihr Freund Hitoshi starb bei einem Unfall. Auch Hiiragi, Hitoshis Bruder, hat jemanden verloren – seine Freundin starb bei demselben Unfall. In einer Art Zwischenwelt des Trauerns begegnet Satsuki einer geheimnisvollen Frau namens Urara, die ihr von einem mystischen Phänomen erzählt, das alle hundert Jahre erscheint. Durch diese Erfahrung kann Satsuki ihre Trauer überwinden. Die Novelle hat einen leicht übernatürlichen Touch, bleibt aber in ihrer Emotionalität geerdet und poetisch.
Die wichtigsten Figuren
- Mikage Sakurai: Hauptfigur. Eine ruhige, introvertierte junge Frau auf der Suche nach Geborgenheit und einem neuen Sinn nach dem Tod ihrer Großmutter.
- Yuichi Tanabe: Sohn von Eriko. Unterstützt Mikage in ihrer Trauer und findet selbst Halt bei ihr. Seine Gefühle für Mikage wachsen im Verlauf der Geschichte.
- Eriko Tanabe: Trans Frau, Yuichis Mutterfigur. Eine starke, warmherzige Persönlichkeit, deren Tod tiefe Spuren hinterlässt. Ihre Darstellung gilt bis heute als bemerkenswert sensibel und ungewöhnlich für die Literatur ihrer Zeit.
Einblicke aus dem Interview mit Banana Yoshimoto
In einem Interview wurde Banana Yoshimoto gefragt, worauf es beim Schreiben wirklich ankommt. Ihre Antworten sind so zurückhaltend wie eindrücklich:
„Ein Roman, in dem Ihre Erfahrungen nicht verarbeitet werden, hat kein Leben.“
Sie betont, wie wichtig Authentizität ist. Schreiben sei nicht nur Technik, sondern Selbsterkenntnis:
„Du musst herausfinden, wer du bist und was du kannst – und was nicht. Kenne deine Stärken und Schwächen und schreibe mit deinen eigenen Worten.“
Auf die Frage, ob Literatur eine gesellschaftliche Aufgabe erfülle, sagt sie:
„Menschen brauchen immer eine Geschichte. Einen Blickwinkel, eine Erfahrung. Romane geben Kraft – auf ganz eigene Weise.“
Gefragt, wie sie selbst erinnert werden möchte, antwortet sie:
„Es ist egal, ob sich die Leute an meinen Namen erinnern. Aber wenn sie einmal an eine meiner Figuren denken und sagen: ‚Ich denke wie sie‘ – dann bin ich zufrieden.“
Kitchen und wie sich die japanische Literatur langsam verändert
Drei Jahre nach der Erstveröffentlichung von Kitchen (1987) wurde in Japan noch immer der aufsehenerregendste literarische Erfolg der, wie es hieß, letzten Jahrzehnte diskutiert. Yoshimoto hatte in der der Folge ihres Erstlings innerhalb von zwei Jahren sieben weitere Bücher veröffentlicht! Ihr Buch traf genau den Nerv der Zeit.
Noch in den 60er Jahren vibrierte die literarische Szene. Sie war geprägt von politischem Engagement, antitraditionellen Erzählstrukturen, Feminismus und einer Ablehnung des etablierten Gesellschaftssystems. Danach (seit Beginn der 1960er Jahre) hatte sich die Gesellschaft weitgehend auf das wirtschaftliche Wachstum und den technologischen Fortschritt fokussiert und die Literatur geriet ins Hintertreffen. Die durchaus literarisch interessanten Produkte dieser Zeit entstanden dann in einer Sphäre melancholischen Zurückgezogen-Seins und erregten wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Man wartete auf Stimmen, die von der Sensibilität der jungen Generation erzählen konnten. Deren Alltag war durchzogen vom Konsum von Mangas, Anime und dem Fernsehen. Diese jungen Menschen waren Ästhetik-affin, der Politik gegenüber eher gleichgültig, für ökologische Fragen aufgeschlossen und einer neuen Spiritualität zugewandt. Einige Schriftsteller:innen traten da auf den Plan, die wenn auch sehr unterschiedlich, ein Interesse für die Themen Liebe, Einsamkeit und Umgang mit dem Tod zeigten.
Der Stil war beeinflusst von Fernsehen, der Pop- und Rockmusik, vom sog. terebi dorama (Fernsehdrama, das stilistisch und inhaltlich kaum mit den amerikanischen soap operas vergleichbar war) und von dem shojo manga. Shōjo-Manga (Mädchencomic) sind japanische Comics, die speziell für heranwachsende Mädchen im Alter von etwa sechs bis achtzehn Jahren gezeichnet werden. Erst durch die Tatsache, dass sich die literarische Welt an den Erzählstrukturen der Shojo manga orientierte, wurde von Soziolog:innen in den 80er Jahren erkannt, dass sich dieses Medium von einer kitschigen, konventionellen Form der Unterhaltung im Laufe der Jahrzehnte zu einem raffinierten und komplexen Erzählgenre entwickelt hatte. Vorher war von niemandem beachtet worden, dass eine Untergrundkultur entstanden war, die ausgehend vom manga in die Literatur, ins Kino, in die Musik und in die Mode ausstrahlte.
