Ob Protagonistin oder Autorin, die Frauen spielen in der japanischen Literatur schon seit jeher eine ganz wichtige Rolle.
Gleich zu Anfang unseres Streifzuges ist uns hier mit Yoshimoto Banana eine weltweit erfolgreiche japanische Autorin begegnet. Tanizaki Junichiro hat uns überdies mit Eine Katze, ein Mann und zwei Frauen den immensen, ja bisweilen sogar unheimlichen Einfluss von Frauen auf einen Mann mit (eigentlich) schwachem Charakter und mangelnder Durchsetzungsfähigkeit vorgeführt. Auch bei Akutagawa Ryunosukes kleinen Erzählungen Rashomon und Im Dickicht begegneten uns Frauen an den wichtigen narrativen Schaltstellen.
Männliche Figuren werden in der japanischen Literatur des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts oft als in einem Maße von Frauen abhängig geschildert, wie es das in anderen Literaturen Übliche bei weitem übersteigt. Häufig steht sowohl bei männlichen wie auch weiblichen Autor:innen ein Frauenschicksal im Zentrum des Geschehens. Deshalb wurde in der Literaturkritik oft von einem, die japanische Kultur insgesamt mitbestimmenden Feminismus gesprochen.
So allerdings erscheint es nur bei oberflächlicher Betrachtung.
Vielmehr handelt es sich bei der intensiven Betonung des weiblichen Elementes in der japanischen Kultur und Literatur um ein Fortwirken uralter Traditionen.
Frauen, Literatur und Japan in der Geschichte
Das älteste, ein in chinesischer Sprache verfasstes, Dokument mit einer Beschreibung der japanischen Inseln, bezeichnet die Inseln als das Reich einer schamanischen Priesterin. Bis in das 8. Jahrhundert waren zudem Kaiserinnen auf dem japanischen Thron keine Seltenheit. Sie zählen sowohl als mythische als auch historische Figuren zu den bemerkenswertesten Herrschergestalten.
Ebenso gehen in der Literatur die Anfänge der erzählenden Formen (Roman, Tagebuch, private und/oder räsonierende Berichte) auf Frauen zurück. Aus dem 10. Und 11. Jahrhundert sind vor allem von Hof- und Adelsdamen verfasste Texte überliefert. Diese Texte sind in einem gewissen realistischen Grundton gehalten, der alle neuen Stiltendenzen der Folgezeit überdauerte. Sie bewahrten sich bis heute einen Vorbildcharakter. Mit anderen Worten: was in modernen japanischen Romanen, auch von männlichen Autoren, möglicherweise feministisch wirkt, hat dort seine Wurzeln.
Zunächst herrschte im literarischen Kanon eine klare Hierarchie in der Bedeutung der Erzeugnisse, sehr Zugunsten des Gedichtes und des Essays. Diese waren die Domäne der von einem männlichen geprägten Bildungsideal dominierten Kultur. Man folgte hier zunächst dem chinesischen Vorbild, wo die erzählende Literatur nur einen untergeordneten Rang an Bedeutung einnahm.
Die schreibenden Hofdamen allerdings konnten gleichzeitig, und abseits der Kanonisierung literarischer Kritik, frei und ungezwungen entfalten. Sie genossen die Schilderung gefühlvoller Erlebnisse, interessanter Beobachtungen und förderten so die Ästhetisierung des Unmittelbaren, wie es eigentlich dem japanischen Selbstverständnis seit je her eingeschrieben ist.

So kam es dazu, dass um das Jahr 1000 der erste japanische Roman von Weltrang, das Genji monogatari (Die Geschichte vom Prinzen Genji) von der Hofdame Murasaki Shikibu verfasst werden konnte. Diese Geschichte ist, obwohl außerordentlich umfangreich, durch alle Epochen gelesen worden und gilt als das große Vorbild im beschriebenen Sinne. Sogar die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit begann schon im 14. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert wurden eine Vielzahl von Übertragungen ins moderne Japanisch durchgeführt. So schrieb Tanizaki Junichiro allein drei verschiedenen neusprachliche Fassungen. Auch Enchi Fumiko, von der wir noch ein Werk lesen werden (Frauen, Masken, 1958), legte eine Genji-Neufassung vor. Sie gilt überdies als eine der führenden Autorinnen der japanischen Nachkriegs-Literatur.
In der Zeit der Meiji-Restauration, in der der traditionelle Kanon der vornehmlich männlich geprägten japanischen Kultur einer Revision unterzogen wurde, konnte auch eine Neubesinnung auf die eigentlichen Wurzeln der japanischen Literatur stattfinden. Bis dahin waren die Frauen der Literatur aber immerhin als Leserinnen und Amateurschriftstellerinnen nahe geblieben.
Nach der Öffnung Japans 1868 genügte der aus dem Westen kommende Einfluss mit seinem Anstoß durch die europäische Aufklärung, die Romantik und die Emanzipationsbewegung, um die schreibenden Frauen gleichzeitig mit der männlichen Avantgarde wieder ins Rampenlicht zu rücken.
Zuvor, bereits seit den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts waren vermehrt Autorinnen mit vornehmlich autobiografischen Werken in die Öffentlichkeit getreten. Etliche ihrer Werke werden heute zu den Klassikern der modernen japanischen Literatur gezählt.
Seither ist der Strom der Veröffentlichungen nicht abgerissen. Die Autorinnen betrieben mit einer erstaunlichen Vehemenz den Abbruch älterer Tabus und beförderten so, was oft unter westlichem Markenzeichen in das nur scheinbar so traditionsgebundene Japan eingebrochen war.
Nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges mit den Bombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki waren die Autorinnen in besonderer Weise geeignet, den Raum subjektiver Realität auszumessen und die traumatisierenden Zustände zu schildern.
Wo lässt sich das Werk von Kono Taeko in diesem Zusammenhang verorten?
Kono Taeko – eine japanische Autorin des 20. Jahrhunderts
Kono Taeko wurde 1926 in Osaka geboren. 1945 erlebte sie die vernichtende Bombardierung der Stadt und den vollständigen Verlust ihres Elternhauses durch Brand. In ihren Erinnerungen beschreibt sie ihre Kindheit im weitgehend traditionellen Haushalt.

Ihr Leben während des Krieges war geprägt von einer Verknappung der Nahrungsmittel sowie der persönlichen Freiheit, was sich noch 1941 durch den Beginn des Pazifischen Krieges gegen Amerika verstärkte. Die Entbehrungen ließen sie erst 15jährig zum ersten Mal ein „Früher“ und ein „Später“ , ein „davor und Danach“ wahrnehmen und reflektieren. Gleichzeitig fühlte sie, dass sie sich innerlich entwickelte und das im Kontrast zur körperlichen Entwicklung, die durch die Mangelernährung retardierte. Aus Aversion gegen die chauvinistische Politik Japans als Kriegspartie lehnte sie damals auch die japanischen Klassiker ab. Allein die Werke Tanizaki Junichiros haben sie überwältigt mit ihrer Frische und Heftigkeit. An europäischer Literatur kannte sie Hermann Hesse und Hans Carossa. Der Dreimächtepakt hatte zur Folge, dass man auch in der Zeit des übersteigerten Nationalismus deutscher Literatur gegenüber sehr aufgeschlossen war. Hesses Werke prägten nachhaltig das Lebensgefühl ihrer Generation.
1944 kam Kono auf die Frauenfachschule. In dieser Zeit musste man in der ständigen Furcht vor der Rekrutierung zum sog. Arbeitsdienst leben, oder schlimmer noch, davor, bei einem Luftangriff ums Leben zu kommen. Eine junge Lehrerin machte tiefen Eindruck auf Kono. Sie brachte ihr inmitten der Kriegswirren Emily Brontës Werke nahe.
„Der Wunsch, nie geboren zu sein, war mir zwar auch davor fremd gewesen, aber nun empfand ich erstmal eine tiefe Dankbarkeit für das Glück zu leben, selbst wenn mich der Tod demnächst ereilen sollte. Emilys Gedichte waren auch der Grund dafür, dass ich mich nach dem Krieg der englischen Literatur zuwandte.“ (Kono)
Nach Kriegsende studierte Kono Wirtschaftswissenschaften und arbeitete auch in diesem Feld, bis sie 1952 endgültig beschloss, Schriftstellerin zu werden und nach Tokyo zog.
Viele Schrifsteller:innen ihrer Generation erklären die Entscheidung für diesen Beruf mit dem Gefühl der Befreiung nach dem Ende des Krieges. Kono aber meint, dass sie zusätzlich dazu durch die Begegnung mit der europäischen Musik zur Schriftstellerei gefunden hätte.
Während des Krieges war der Konsum der westlichen Musik dadurch überhaupt möglich, da die beiden großen Musiknationen Deutschland und Italien Kriegsverbündete waren. Kono zog dabei die Opern der sinfonischen Musik vor, weil sie in der Opernmusik eine grundsätzliche Lebensbejahung erlebte. Sie sieht darin eine Erweiterung und Vertiefung der Menschlichkeit. In diesem Zusammenhang veröffentlichte Kono auch eine Studie über ihr großes Vorbild Tanizaki mit dem Titel „Tanizaki Junichiros Literatur und die Lust der Bejahung“.
„Es ist meine Überzeugung, dass alle Schöpfung in der Kunst und Kultur der Freude am Leben entspringt und durch die Ergriffenheit angesichts des Menschlichen ausgelöst wird, und es war die europäische Oper, die mich dies am intensivsten spüren und erfahren ließ.“ (Kono)
Die Erzählung „Krabben“ (Kani, 1963)
Der Plot der Geschichte ist schnell erzählt:
Eine erst kürzlich von Lungentuberkulose genesene Frau, Yuko, möchte einen Erholungsurlaub am Meer verbringen. Ihr Ehemann ist dagegen. Sein Widerstand scheint von seinem Zweifel an dem Nutzen einer solchen Kur begründet zu sein. Die Medizin hätte doch bereits gut gewirkt und es wäre bloße Geldverschwendung, noch einen teuren Kuraufenthalt zu finanzieren. In völliger Verkennung der Bedürfnisse seiner Frau willigt er aber doch ein, allerdings mit dem Kompromiss, den Aufenthalt auf einen Monat zu terminieren. Am Meer blüht Yuko auf und verliert ihre innere Unruhe, die nicht näher charakterisiert wird. Sie erträumt sich alternative Lebensentwürfe für sich und wähnt sich in einer ungetrübten Harmonie mit der Natur. Das steht in deutlichem Gegensatz zu den ausführlich geschilderten Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten, die ein Schlaglicht auf die große Kluft zwischen den Geschlechtern in Japan werfen und wenig Harmoniebedürfnis anklingen lassen. Unterschwellig wird im Text deutlich, dass die Trennung vom dominanten Ehemann den Heilerfolg, zumindest auf psychischer Ebene begründet haben dürfte.
Während ihres Kuraufenthaltes wird Yuko von der Familie ihres Schwagers besucht. Sie verspricht dem kleinen Neffen Takeshi, den sie auf Grund eines plötzlichen Impulses noch bei sich behalten möchte, ihm eine Krabbe zu finden. Es entwickelt sich eine immer raumgreifendere Suche, die sich zunehmend schwierig, ja fast unmöglich gestaltet. Ungeduld und Verwirrung wachsen und langsam entsteht eine unerklärliche, ja irrational erscheinende Besessenheit. In dem vordergründig banalen, alltäglichen Geschehen braut sich eine unterschwellige Spannung und Beängstigung auf. Wie gewöhnlich bei Kono ist es der „eigentümliche Umgang mit dem Alltäglichen, die irritierende Zusammenschau von Banalem und Außergewöhnlichem, die Dichte und Konzentration ihrer Komposition, die Virtuosität in der Verwendung der sprachlichen Mittel und der universale Charakter ihrer Entwürfe“ (Irmela Hijiya-Kirschnereit), welche die Lesenden in ihren Bann ziehen.
Was reizt Yuko aber so sehr an dem kleinen Takeshi?
„Wie in Konos Erzählung Knabenjagd wird die kindliche Unbekümmertheit und Frische, die selbstbewusste und energische Spontaneität, das Kernig-Knackige des kleinen Körpers mit liebevoller, detailgenauer Aufmerksamkeit geschildert, die sich selbst noch an den Kleidungsstücken zu ergötzen weiß. Doch birgt die Zuneigung zu den kleinen Jungen, in der sich weiblicher Selbsthass Bahn zu brechen scheint, auch eine eindeutig sinnliche Komponente, die in der Knabenjagd noch deutlicher zu Tage tritt, wo sie dazu noch mit irritierenden Anflügen von imaginiertem Sadomasochismus in Verbindung steht.“ (Irmela Hijiya-Kirschnereit)
Bei Kono stehen meist Frauen im Zentrum der Erzählung und werden trotzdem ähnlich distanziert und kühl gezeichnet, wie bei den männlichen Kollegen. Es geht ihr in jedem Fall um die Beschränktheit sowohl des weiblichen, als auch des männlichen Vorstellungsvermögens in Situationen des Alltags, die sie aber durch ihre literarische Kreativität mit geradezu magischen Qualitäten aufzuladen versteht. Die Lust am Leben, ein positiver Zugang zu den Figuren und ihren Verwicklungen und viel Humor erleichtern den Lesenden auch schwierige Situationen offen und frei nachzuvollziehen. So lassen sich sogar Konos Nachkriegserzählungen (wie z. B. Die Flut) mit zumindest literarischem Vergnügen lesen. Gute Literatur, so Kono, entlasse die Lesenden nicht als dieselben, die sie zuvor waren. Vor allem sollte die Literatur die Freude am Dasein ausdrücken.
Verwendete Literatur:
Kono, Taeko: Knabenjagd, Nachwort v. Irmela Hijiya-Kirschnereit, S. 141-48, Hamburg 1976.
Schaarschmidt, Siegfried: Aufschlussversuche. Wege zur modernen japanischen Literatur, München 1998.
