Rashomon von Akutagawa Ryunosuke

Akutagawa Ryunosuke 1891-1927

Akutagawa Ryūnosuke gehört zu den wenigen japanischen Schriftstellern, die schon zu Lebzeiten in viele westliche Sprachen übersetzt wurden. Neben Essays und Lyrik schrieb er etwa 150 Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane. Er übte sich in allen erdenklichen dichterischen Formen und wird vor allem wegen der Vielfalt und Vielschichtigkeit seiner literarischen Stoffe und seiner stilistischen Bilanz geschätzt. Neben den konventionellen Formaten schrieb er auch Humoresken, satirische Prosaskizzen, Chroniken, Shortstorys (für die er im Besonderen bekannt und geschätzt wurde), Essays, Brieferzählungen, sowie Lehr- und Streitgespräche. Der bedeutendste japanische Literaturpreis, der Akutagawa-Preis, ist nach ihm benannt, höchst Prestige-trächtig und wird halbjährlich an die besten neuen, literarischen Werke verliehen. 

Vielen seiner brillant formulierten Texte liegen historische Vorbilder zu Grunde. Es gelangen ihm immer wieder überraschend modern wirkende Texte, die psychologische und sozialkritische Aspekte der alten Vorbilder hervorhoben. Er gilt als ein Vertreter der sog. Stilisten, bzw. Intellektuellen Literaten, die sich schon früh von den Naturalisten und Neoromantikern abzusetzen suchten. 

Rezeption von Akutagawa

Kein zweiter japanischer Schriftsteller hat wie Akutagawa eine dermaßen widersprüchliche Kritik erfahren. Von höchster Verehrung bis zu spöttischer Verachtung reicht die Bandbreite. Von dem Urteil, dass es sich bei ihm um ein echtes Genie handelte bis zur Einschätzung, er wäre nur ein Pedant oder gar Dilettant ohne eigene Vorstellungskraft, wird über ihn geurteilt.  

In Europa entdeckte die literarisch interessierte Welt Akutagawa 1951.

Rashomon (1917) und Im Dickicht (1922)

Damals hatte der japanische Regisseur Akira Kurosawa auf der Biennale von Venedig mit seinem Film Rashomon das Publikumsinteresse erregt. Wer immer sich nach dem zugrundeliegenden Stoff erkundigte, konnte erfahren, dass die Geschichte auf den beiden Shortstorys Rashomon und Im Dickicht von Akutagawa basiert. Kurosawa kleidete seine Version in historisches Gewand, bediente aber gleichzeitig die vertrackte psychologische Lesart der westlichen Moderne. Die Geschichte konnte so wunderbar den Anspruch des westlichen Publikums an komplexe Konstellationen im exotischen Kleid erfüllen.

In der Folge weckte diese Begegnung nicht nur das Interesse an Akutagawa, sondern auch an der neueren japanischen Literatur im Allgemeinen. 

Akutagawa steht also mit seinem Werk am Ende der Formierung einer neuen japanischen Literatur, die sich stark dem Naturalismus verpflichtet gefühlt hatte und erprobt schon einen neuen literarischen Avantgardismus. Akutagawa und einige andere seiner Schriftstellerkollegen lehnten die Nachahmung des Westens ab und suchten nach einer Synthese von östlichen und westlichen Auffassungen. Sein Lehrer Soseki Natsume (1867-1916), der bis dahin der bekannteste Romancier dieser Zeit gewesen war, hatte damit begonnen, etwas literarisch Neues zu praktizieren, das sich aber in die eigenen Traditionen einfügen können sollte. Ähnliches hat auch schon der nur wenig ältere Tanizaki Junichiro (1886-1965) praktiziert. Akutagawa war auch kein Anhänger der seinerzeit so beliebten autobiographischen Bekenntnisliteratur. Niemand stand der eindimensionalen Egozentrik des sog Ich-Romans (Shishosetsu) ferner als er. Eher ist er als ein selbstkritischer Skeptiker zu bezeichnen, der seine Werke mit kühlem Intellekt ausführte und zu dessen markantesten Texten die Erzählung Im Dickicht zählt, in der die Unmöglichkeit der Wahrheitsfindung angesichts einer Vielzahl einzelner, sich wiedersprechender Perspektiven vorgeführt wird. 

Die neue Strömung dieser Literaten wurde von der Literaturgeschichts-schreibung oft als Intellektuelle Schule bezeichnet und ihr Bestreben durch die Beschreibung „intellektueller Interpretation psychischer Vorgänge unter Bevorzugung historischer Sujets“ zusammengefasst.

Bei Akutagawa ging es dabei meist nicht um die historische Bedeutung eines Ereignisses, sondern um die Atmosphäre des Absonderlichen, Unwahrscheinlichen und oft auch Unheimlichen, Schaurigen (siehe die Schilderung der Leichen im Torii Rashomon). Darin spricht sich die hohe Sensibilität des Dichters gegenüber einer von starken gesellschaftlichen Spannungen geprägten Umwelt und seiner problematischen Herkunftsgeschichte aus.

Biographie und Lebensweg

Akutagawa wurde 1891 in Tokyo geboren. Seine Mutter wurde kurz nach seiner geburt mit einer Psychose in die Psychiatrie eingeliefert. Dass er in der Folge keine emotionale Bindung zu ihr aufbauen konnte, belastete ihn schwer und wurde von ihm in seinem einzigen autobiographischen Werk Das Leben eines Narren geschildert. 

Akutagawa wurde daraufhin von seinem Onkel und seiner Tante adoptiert und in deren traditionsgebundenen Familie aufgezogen. Seit seiner Kindheit beschäftigte er sich mit Japanischer, Chinesischer und westlicher Literatur. Als Student der englischen Literatur an der kaiserlichen Universität in Tokyo beteiligte er sich an literarischen Zeitschriften und verfasste erste eigenständige Texte. Nach Abschluss des Studiums wurde er zunächst Englischlehrer. Zeit seines Lebens war er kränklich und lebte in der Furcht, wahnsinnig zu werden. 

Auf der Höhe seines Ruhms beging er mit 35 Jahren Selbstmord durch die Einnahme einer Überdosis von Schlafmitteln. Sein Tod erregte außergewöhnliches Aufsehen und soll den Schaffensfluss von etlichen Schriftstellerkolleg:innen nachhaltig beeinflusst haben. Diesem Tod wurde symbolische Bedeutung zugesprochen. Er galt als symptomatisch für das Scheitern eines weltoffenen, liberalen, individualistischen Geistes, was den konservativeren Kreisen sehr zu passe kam. 

Das Leben eines Narren (1927) und weitere Werke

Das Werk besteht aus 51 kurzen Teiltexten, die einzelne Szenen und wichtige Momente aus Akutagawas Künstlerleben schlaglichtartig beleuchten.

Sie sind in grob chronologischer Abfolge angeordnet. 

Darin begegnet man einem Künstler, der mit Literatur und Kunst mindestens ebenso intensive Erfahrungen macht, wie mit der ihn umgebenden Realität. 

Verfasst hat er das Werk wenige Monate vor seinem Freitod und es wurde noch einen Monat davor veröffentlicht. In dieser Zeit hat er daneben noch einige wenige kurze Texte verfasst, die erstmals auf seine eigenen Biografie Bezug nehmen und auch schon seinen Freitod thematisch anklingen lassen.

Zu diesen Texten zählt auch die von quälender Eindringlichkeit gekennzeichnete Prosaskizze Zahnräder.

„Ich habe nicht mehr die Kraft weiterzuschreiben. Es ist eine unsägliche Qual, mit diesem Gefühl zu leben. Findet sich denn niemand, der mich im Schlaf erdrosselt?“

Auch die Notiz für einen alten Freund ist so ein Text. Es handelt sich hierbei um einen Brief an einen Schriftstellerfreund, dem er die Beweggründe für seinen Freitod und sein Bemühen um einen möglichst ästhetischen Abgang dartut, um seine Familie, seine Frau und seine drei Söhne, so weit wie möglich zu schonen.

In diesen Werken thematisiert Akutagawa die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen er zu leben und zu arbeiten hatte. Es war „das Feudalzeitalter, das seine Schatten auf mich warf“. 

Doch noch wichtiger ist ihm die Welt der Bücher, die ihn im Leben hielt.

„Der Ort: der erste Stock einer Buchhandlung. Er, zwanzig Jahre, klettert eine metallene Leiter hinauf, die an ein Bücherregal gelehnt war; er suchte nach neuen Büchern. Maupassant, Baudelaire, Strindberg, Ibsen, Shaw, Tolstoi…“

„Er las ein Buch von Anatole France, wobei er seinen Skeptizismus, der nach Rosenblättern roch, als Kopfkissen benutzte. Er bemerkte nicht, dass mittlerweile selbst in diesem Kopfkissen ein Kentaur lebte.“

Akutagwa war, wie man hier erkennen kann, auch ein begnadeter Aphoristiker.

In diesen autobiografischen Texten verarbeitet der Autor die hellen und die düsteren Stationen seines Lebens in knappen, wie mit einem Spot beleuchteten Passagen. Trotz seiner massiven Selbstzweifel klingt immer wieder ein klares Bewusstsein seiner eigenen Bedeutung durch. Es gibt da Momente von haikuhafter Impressivität: „Im Wind, der erfüllt war vom Geruch der Algen, das Funkeln eines Schmetterlings. Einen kurzen Moment lang spürte er, wie der Schmetterling seine ausgedörrten Lippen mit den Flügeln berührte. Aber noch Jahre später leuchtete der Staub, den der Schmetterling auf seinen Lippen hinterlassen hatte.“ 

Aber es gibt auch atmosphärisch ganz gegenteilige Passagen von Desillusion und Verzweiflung. Darin wird viel über Selbstmord sinniert und eine ethisch einwandfreie Begründung dafür, die in dem japanischen Verständnis begründet ist, dass es durchaus Situationen gibt, in denen das freiwillige Scheiden aus dem Leben moralisch gerechtfertigt sei.

In einem Brief an einen alten Freund schreibt er: „Du wirst wohl über meine Widersprüchlichkeit lachen, dass ich entschlossen bin, Selbstmord zu begehen, obwohl ich die Schönheit der Natur liebe. Aber in der Todesstunde wird sich die Schönheit der Natur in meinen Augen spiegeln. Ich habe mehr als andere gesehen, geliebt und darüber hinaus Erkenntnisse gewonnen. Nur dies bedeutet mir etwas Zufriedenheit in all dem Kummer, der sich angesammelt hat.“

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